Gordon Bennett-Rennen 1904-2004

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Gordon Bennett Rennen 1904

Eine Zeitreise

Unglaubliches Gedränge herrscht auf der Homburger Straßenbahnstation. Hektisch schieben ungeheure Menschenmassen über den Perron. Der örtlich Fahrdienstleiter, trotz seiner zahlreichen Gehilfen, ist nicht mehr Herr der Lage. Die sonst so ruhige Homburger Station, in welcher Damen und Herren von Welt sich in normalen Zeiten ein Stelldichein geben, gleicht einem Hexenkessel. Gestriegelte Offiziere, Damen und Herren der Gesellschaft, Landbevölkerung im besten Sonntagsstaat, dazwischen Damen von Welt und ihre Zofen, ja ganze Schulklassen. Standesunterschiede treten in den Hintergrund. Jeder versucht nervös einen der begehrten Plätze auf den Zügen der im 10 Minuten Takt verkehrenden Bahn zur Saalburg zu ergattern. Glücklich, wer im Besitz einer eigenen Kalesche. Parallel zur Rennstrecke wurde eigens ein Fahrweg für die Kutschen in den Wald geschlagen. Im Pendelverkehr werden die Herrschaften zu Saalburg gefahren.

Eine Million Zuschauer werden rund um die Rennstrecke erwartet, um den Kampf der Nationen mitzuerleben. Sensationell, nie wieder wird ein einzelnes Sportereignis eine derartige Menschenmenge anlocken. Start und Ziel, die Saalburg mit der eigens für diesen Anlass errichteten Tribüne mit Platz für 2500 Personen. Unter der nur für dieses Ereignis für 95.000 Goldmark errichteten Tribüne, modernste Einrichtung wie Postamt, Telefone, Telegrafenstation, Restaurants. Hier kommen alle Informationen vom Verlauf des Rennens zusammen und können von der unübersehbaren Journallaie sofort und ohne Zeitverzug in alle Welt gemeldet werden. Die Losung des Kaisers ist allgegenwärtig, Deutschland soll der Welt seine Macht und Größe vergegenwärtigen. Ein Deutscher Sieg wird erwartet! Der Kaiser nimmt mit seinem Gefolge in der Loge Platz. Selbst das Wetter spielt mit, Kaiserwetter. Die Welt blickt auf Homburg. 

Die 18 Rennboliden reihen sich auf der Startlinie auf. Die Strecke wurde ausschließlich für das Rennen im gesamten Verlauf mit Westrumit staubfrei gemacht. Motoren brüllen auf. Letzte betriebsame Aktivitäten der Mechaniker. Eine unglaubliche Spannung liegt über dem Geschehen. Camille Jenatzy startet als hoher Favorit für Deutschland auf Mercedes Simplex. Der Große Sieger von 1903, legt eine furiosen Start hin. Bekannt sein draufgängerischer Fahrstil.

Eine „Zeitreise“ hatte Dieter Dressel, Initiator dieses außergewöhnlichen Ereignisses, versprochen. Er, seine zahllosen ehrenamtlichen und professionellen Helfer erfüllten diesen hohen Anspruch mit Bravour. Viele kleine Details sollten Zuschauer und Teilnehmer in die Lage versetzen, einen Einblick in die Geschehnisse vor genau 100 Jahren zu nehmen. Details, welche manchem unbedarften Zuschauerauge entgangen sein dürften. Die Teilnehmer wussten dieses umso mehr zu schätzen. Wie viele Mühen hinter den einzelnen Attraktion verborgen waren, können aber nur die an der Organisation beteiligten ermessen.

Ein Jahrhundert später. Homburg, nunmehr Bad Homburg, Austragungsort einer Erinnerungsfahrt, organisiert vom ASC, dem AvD und der Kurverwaltung. 54 Fahrzeuge der Jahrgänge 1900 bis 1918 waren gemeldet.

Der Freitag war ausschließlich für die technische Abnahme und für einen kurzen Besuch in Oberursel vorgesehen. Das kleine örtliche Museum in Oberursel bot einen „Schatz“ der besonderen Art. Hier wird die Erinnerung an das erste Kinderautomobil-Rennen, die „Seifenkisten“, wachgehalten. 1904 machten sich die jungen Burschen des Ortes einen Jux, mit selbst gezimmerten fahrbaren Kisten es den Großen gleich zu tun. Hier an der Geburtsstätte der Seifenkistenrennen sollte in den folgenden Tagen unsere kleine Zeitreise Ihren Anfang nehmen. Zurück in Bad Homburg wurden die Fahrzeuge im Landgrafenschloss zur technischen Abnahme vorbereitet. Fahrzeug und Fahrer wurden entsprechend dem damaligen Reglement verwogen. Die Vorschrift 1904 sah unter anderem ein Verwiegen der Fahrzeuge ohne Benzin vor. Ein Umstand, der damals dem englischen Fahrer Edge bzw. seinem Napier fast zum Verhängnis geworden wäre. Sein achtlos in den Rinnstein abgelassenes Benzin und ein ebenso achtlos weggeworfenes Streichholz führten zu einem einem Brand, der ohne beherztes Einspringen fast zum Totalverlust des Fahrzeuges geführt hätte.

Nun, so genau wollte man das damalige Geschehen denn doch nicht nachvollziehen! Diplomingenieur Robert Schramm nahm das Wiegen auf einer modernen Waage vor. So manch einer der Teilnehmer lag weit neben dem von ihm meinst niedriger angegebenen Wagengewicht. Da die Wagen ohne Kraftstoff ja nicht zur Waage fahren konnten, wurden diese damals per Pferdevorspann auf die Waage gezogen. Auch dieses Detail wurde liebevoll mit Hilfe zweier Pferde nachgestellt. Dann, gegen Nachmittag, der große Auftritt des Kaisers im eindrucksvollen Kaiserwagen. Schauspieler stellten Kaiser und Kaiserin nebst Gefolge dar. Sie begegneten uns in den nächsten Tagen immer wieder. Herr Maybach, ein ASC Helfer im Gehrock und extra gewachsenem Bart, stellte dem Kaiser seine Konstruktion, den Simplex vor. Das Geschehen, professionell und augenzwinkernd von Johannes Hübner, im grauen Gehrock und Zylinder, moderiert. Mit etwas Phantasie konnte man sich leicht in die Szenerie von 1904 versetzen. Nur, ob einer der Herren eine „derart“ lockere Konversation mit seiner Majestät, dem Kaiser, pflegte wie Johannes Hübner, ist nun doch anzuzweifeln.

Ein sensationeller, noch nie dagewesener Anblick erwartete die Teilnehmer im Foyer des Hotels. Aufgebaut der originale Gordon Bennett Pokal aus dem Jahre 1904! Noch nie hatte nach 1905 dieser Pokal die Räumlichkeiten des Automobilclubs von Frankreich verlassen. Nur den Beziehungen und der tatkräftiger Unterstützung des AvD Pressesprechers Johannes Hübner war es zu verdanken, dass die 17 kg schwere, massiv silberne Skulptur ausgestellt werden konnte. Der vom Verleger Gordon Bennett ausgeschriebene Pokal stellt den „Genius des Fortschrittes dar, welcher einen Motorwagen lenkt. Die Siegesgöttin hält sich bereit, dem Sieger die Palme zu überreichen“. Für die Fahrer ging es damals einzig um die Ehre. Wohl doch nicht nur um die Ehre, wie die aktuelle Startnummer 10, ein Mercedes Simplex,  belegt. Es handelte sich um das Preisgeld an Baron de Caters für den 3. Platz des Rennens 1904.

Ganz im Sinne dieser Tradition ging es auch im Jahr 2004 ebenfalls um die Ehre, dabei gewesen zu sein. Viel Mühe hatte Dieter Dressel darauf verwendet, ein unübertroffenes, illustres Feld an den Start zu bekommen. Einer der authentischsten Zeitzeugen ist der Napier Gordon Bennett Racer. Ein Fahrzeug, welches mit einem Hubraum von 13 Litern und 100 PS auch heute noch für zügige 160 km/h gut ist. Der Wagen ist aus dem Baujahr 1904, war jedoch nicht mehr rechtzeitig zum Rennen fertig geworden.

Ende der ersten Runde. Jenatzy liegt 1 Sekunde hinter Théry „Monsieur Chronomètre“, dem Franzosen auf einem Richard Brasier. Spitzengeschwindigkeiten von über 135 km/h werden erreicht. Am Ende des Tages wird es ein sagenhafter Durchschnitt von fast 90 km/h sein. Der langsamste der noch im Rennen befindlichen Starter, Crawhez, hat mittlerweile eine Stunde Rückstand. Auch andere der Starter haben bereits mit Schäden zu kämpfen. Fritz von Opel fällt nach acht Kilometern mit irreparablen Cardanbruch aus. Edge hat einen Lenkungsschaden bei Limburg. Jarrott fällt der Gashebel aus. 

Das Publikum auf der Saalburg Tribüne wird über jede Neuigkeit aus der Rennstrecke informiert. Ein Maler schreibt auf einer Anzeigentafel die neuesten Entwicklungen nach Anweisung der Telefonisten auf. Ingesamt 4 mal muss die 137,5 km lange Rennstrecke, mit den Ortsdurchfahrten Weilburg, Limburg, Idstein, Königstein, und Oberursel durchmessen werden.

Ausgangspunkt der eigentlichen Jubiläumsfahrt am Sonnabend, dem 19. Juni 2004, war die Brunnenallee im Bad Homburger Kurpark. Hier erfolgte um 9:00 in der Frühe der Vorstart mit dem Ziel Saalburg. Der Anstieg zur Saalburg stellte, dank Polizeiunterstützung und Straßensperrung,  für die Teilnehmer kein ernsthaftes Problem dar. Hier an historischer Stätte, exakt 100 Jahre und 2 Tage später (Renntag war ein Freitag, der 17. Juni 1904) wurde ein Gedenkstein an das Gordon Bennett Rennen 1904 in einem kleinen feierlichen Akt enthüllt. Eine schwere Bronzetafel erinnert an dieses, im Bewusstsein der modernen Zeit längst vergessenes, Ereignis. Nur noch ein weiteres Gordon Bennett-Rennen sollte 1905 in Frankreich stattfinden. Dann war endgültig die Zeit der schweren, großvolumigen Boliden vorbei. Leichtere Konstruktionen, Grand Prix Wagen, speziell für Renneinsätze konstruiert, sollten folgen. Heute können wir uns an dieses für die Region und weit über das damalige Deutschland bedeutende Ereignis anhand des vom ASC initiierten Gedenksteines wieder erinnern.

Jetzt endlich, von den Teilnehmer ungeduldig erwartet, ging es auf die Strecke. Gefahren wurde auf der originalen Strecke von 1904, allerdings, statt vier, lediglich eine Runde. Gestartet wurde in drei Klassen „Gordon Bennett“ – die Rennklasse, „Prinz Heinrich A“ und „Prinz Heinrich B“ für schwächere Wagen. Ab Idstein wurden alle Klassen wieder zusammengeführt und legten den Rest der Strecke gemeinsam nach Bad Homburg zurück. Ein hervorragendes Bordbuch, sowohl optisch als auch inhaltlich, stellen an Fahrer und Beifahrer keine größeren Anforderungen. Die wenigen, im Stil der Zeit angefertigten Hinweisschilder, gaben zuverlässig an neuralgischen Punkten den Streckenverlauf an. Einzige sportliche Herausforderung waren zwei 695 m lange Messstrecken, welche in 1 Minute und 40 Sekunden zu durchfahren waren. Als Lohn der „Genauigkeit“ wartete pro Klasse eine wunderschöne, extra angefertigte Trophäe. Ein Vergleich der dabei per Messschlauch ermittelten Zeiten zeigte, welche exakten Werte mit den dafür nicht gerade konstruierten Fahrzeugen erreicht werden konnte.

Nach der zweiten Runde ist der Abstand zwischen den Kontrahenten Théry und Jenatzy um rund 1 ½ Minuten angewachsen. Jenatzy fährt hektisch, entnervt, hat Startprobleme an der Kontrolle in Limburg. In der dritte Runde bricht an Thérys Richard Brasier ein Ventilatorflügel. Um Vibrationen am Motor zu vermeiden, bricht er ohne zögern alle ab. Am Ende der dritten Runde liegt Théry rund 8 Minuten in Führung. Am F.I.A.T. von Luigi Storero bricht die Kettenradwelle, er muss aufgeben. Nach drei Runden liegen von 18 gestarteten Wagen noch 13 im Rennen. Im Ziel werden es lediglich 12 sein. Endgültig verschenkt Jenatzy seine Siegeschancen durch eigenes Ungeschick. Zweimal durchfuhr er Kontrollstellen mit dem bereitgestellten Benzin. Nur um einen Kilometer weiter liegen zu bleiben. Der Mechaniker musste im Laufschritt zurück, um dieses herbeizuschaffen. In der letzten Rennrunde fallen Edge auf Napier und Baron de Crawhez auf Pipe endgültig aus.

Mit „Kaiserwetter“ wurden die Teilnehmer der Erinnerungsfahrt 2004 wahrlich nicht verwöhnt, auch die 1 Million Zuschauer von 1904 konnten „leider“ nicht annähernd erreicht werden. Trotz des teilweise durchwachsenen Wetters waren an interessanten Punkten der Strecke und den Ortsdurchfahrten zahlreiche Zuschauer gekommen. Die Teilnehmer, meist ohne schützendes Verdeck auf der Strecke, waren den Wechselbädern des Wetters voll ausgesetzt. Von Regen bis zu schönstem Sonnenschein, alle Wetterlagen waren vertreten. Selbst Hagelschauer „massierten“ auf den Höhen des Taunus die Gesichter von Fahrern und Beifahrern. Jetzt im Regen, konnten die Besatzungen der Fahrzeuge wieder das Gefühl einer Zeitreise verspüren. Kein drängelndes, modernes Auto, keine Zuschauer, nur einsame verregnete Landstrassen inmitten der wunderschönen grünen Taunus-Landschaft. Weilburg und Limburg mit der Mittagsrast waren die Stationen. In Idstein wurden die Strecken der verschiedenen Klassen wieder zusammengeführt. Die wunderschön erhaltene Innenstadt Idsteins mit den malerischer Fachwerkhäusern bot einen idealen Punkt für eine kurze Kaffeepause, um die Mannschaften wieder aufzuwärmen. Da die meisten der Wagenbesatzungen sich stilecht, wohlgemerkt nicht kostümiert, gekleidet hatten und relativ wenige Zuschauer das Bild „störten“, konnte man fast meinen, in eine „Straßenszene“ vergangener Tage hineingeraten zu sein. Nun ja, eine Straßenszene mit derartigen Rennwagen hätte es selbst damals wohl nicht in dieser Form gegeben.

Die Ortsdurchfahrten der Rennfahrzeuge stellte für die Mannschaften eine Geduldsprobe dar. Eingangs der Ortschaften wurden die Fahrzeugzeiten neutralisiert. Vor den Fahrzeugen fuhr dann jeweils ein Radfahrer voraus, um die Geschwindigkeit der Rennfahrzeuge möglichst konstant zu halten. Eine durchaus sinnvolle Maßnahme, welche durch den schlechten Straßenzustand und die recht undisziplinierte tierische „Landbevölkerung“ gerechtfertigt war. Die örtlichen Fahrradvereine hatten seit Wochen für diesen Tag gleichmäßiges Fahren geübt. 115 Fahrradfahrer standen insgesamt bereit. Um die Durchfahrt möglichst gefahrlos für die Fahrer zu gestalten, waren rund um die Strecke Zäune und an kritischen Ortsdurchfahrten Überführungen für die Zuschauer errichtet worden.

Die letzten Kilometer bis nach Bad Homburg wurden in dem Bewusstsein, es geschafft, dem Wetter die Stirn geboten und an einem wirklich historischen Ereignis teilgenommen zu haben, zurückgelegt. Trotz aller Sorgfalt in den Vorbereitungen kam es insgesamt zu 7 Ausfällen. Unter anderem waren ein Kupplungsschaden, ein Schaden am Königswellenantrieb und ein Radbruch zu verzeichnen, welche zum Totalausfall der jeweiligen Fahrzeuge führte. Ganz abgesehen von den vielen kleineren Pannen, welche von dem hervorragend organisierten Pannenteam rund um Jochen und Robert Schramm ambulant gelöst werden konnten. Eher amüsant und durchaus in historischer „Tradition“ ging einem Teilnehmer das Benzin auf der Strecke aus. Jenatzy würde es amüsiert haben.

Historisch korrekt konnten die Fahrzeuge von einem roten 1908-er Cadillac Abschleppwagen unterstützt werden. Eine schöne Idee des AvD zeigte auch hier das hohe Engagement, welches diesem besonderen Event zukam. Jeweils auf dem modernen Abschleppwagen des AvD wurde ein Smart mitgeführt. Dieser konnte bei Ausfall eines Fahrzeuges von den Teams übernommen werden, wohingegen das defekte Fahrzeug auf den Transporter verladen wurde.

Zielpunkt war wieder die Brunnenallee. Hier wurden die Teilnehmer unter den Klängen des Kurorchesters begrüßt, eine Erinnerungsplakette an die Fahrer überreicht. Die Bordkarten wechselten in diversen Stadien der Auflösung in die Hände eines Helfers. Fahrtleitung und die zahllosen Helfer konnten jetzt langsam aufatmen. Auch der organisatorische Hauptteil der Veranstaltung war erfolgreich abgewickelt worden. Jetzt galt es nur noch zu feiern, zu entspannen und sich auf ein nächstes derartiges Ereignis zu freuen. Fahrterlebnisse wurden ausgetauscht. Langsam kühlten die Motoren ab, heißes Öl tropfte noch einige Zeit auf die fürsorglich ausgebreiteten Pappen. Der seltsam eigentümliche Geruch von verbranntem Öl, Benzin und überhitzten Bremsbelägen legte sich über die Szene.

Jenatzy kommt als Erster auf der Saalburg an. Jedoch insgesamt mit einem Rückstand von 11 Minuten zu Théry. Dieser erreicht unter dem unbeschreiblichen Jubel des Volkes die Saalburg. Er wird aus dem Auto gehoben und zur Tribüne geschoben. Reden kann er noch nicht, aber trinken. Mit Champagner wird er wieder zum Menschen gemacht, wie die „Automobil-Welt“ berichtet. Mit dem Sieg von Théry ist der vom Kaiser erwartete Deutsche Sieg zerstoben. Der Kaiser gratuliert einer französischen Abordnung, Monsieur Brasier, dem Schöpfer des Siegeswagens und dem Präsidenten des AC de France. Dem Fahrer, da von niederem Stande, gratuliert der Kaiser nicht persönlich. Da aus diesem Grunde auch keine Fotographie entstehen konnte, wird die französische Zeitschrift “Petit Journal”, eine Zeichnung dieser Geste, welche die Franzosen so gerne gesehen hätten, abgedruckt. Bereits vor Eintreffen des 3. platzierten Baron De Caters verlässt der Kaiser die Tribüne. 

Ein ereignisreicher Tag neigte sich dem Ende zu, welcher durch den Daimler-Chrysler Galaabend und der Verleihung der Siegestrophäen gekrönt wurde. Selbst hier bewies das Organisationsteam noch die Liebe zum Detail: das Titelblatt der Menuekarte war eine Kopie der originalen Karte von 1904. Die Speisekarte lehnte sich inhaltlich an das damalige Siegesmahl an, war jedoch beileibe nicht ganz so üppig, wie Dieter Dressel glaubhaft versicherte. Dezente Musik unterstrich die feierlich gelöste Stimmung. Der anwesende Direktor des “Automobileclub d’Auvergne” verteilte Prospekte für die 2005 in Frankreich stattfindende letzte 100-jährige Gordon Bennett Erinnerungsveranstaltung.

Der Sonntag wartete mit einem Concours d’Elégance in der Brunnenallee auf. Letzte Vorbereitungen in der Tiefgarage des Hotels. Die Nummer 46, ein Mercedes Simplex 40/45 mit einer Rothschild Karosserie, wird vom Rennwagen wieder in einen Straßenwagen zurückverwandelt. Lampen, Kotflügel und vor allem die hintere Sitzbank inklusive Dach wird mit 4 Schrauben am Fahrgestell befestigt. Entbehrliche Dinge für den Rennbetrieb! Dieses Fahrzeug, es handelt sich um einen der 36 sagenhaften Jellinek Wagen, wurde damit ganz im Sinne der Erbauer genutzt: am Vortag zum Rennen und Tags darauf zum Promenieren mit der Familie.

Jetzt endlich konnten die Fahrzeuge und Besatzungen ausführlich und in aller Ruhe begutachtet werden. Der anfängliche Sonnenschein verlockte viele Teams, Ihre Sonntagskleidung passend in der Zeit zum Fahrzeug hervorzuholen. Der „Kaiser“ und sein Gefolge defilierten durch die Menge, Herr „Maybach“ und weitere Damen und Herren der Gesellschaft bewegten sich zwischen den ausgestellten Autos. Wie zufällig stand das Benz Dreirad am Rande, welches später fachkundig von Jutta Benz, einer Urenkelin von Carl und Bertha Benz, durch den Kurpark gesteuert wurde. Die Motorhaube des Napier Rennwagens von 1904 geöffnet und stellte seine beeindruckende Maschine zur Schau. Ein Platzregen verscheuchte nur kurz das jetzt zahlreich anwesende, interessierte Publikum unter die Bäume.

Messing soweit das Auge reicht. Details und längst vergessene oder als Neuheiten wieder gefeierte Lösungen waren zu entdecken. Aber auch Irrwege der Technik, wie etwa der Uhrwerk-Anlasser am Astro-Daimler Prinz Heinrich von 1913. Opel Grand Prix Wagen von 1913 und 1914 waren zu bewundern. Der von 1914 mit aus der Motorhaube ragenden Ventilfedern, unglaublichen 12 Litern und einer Leistung von 260 PS.

Simplex Fahrzeuge stellten sich beim ersten Sonnenstrahl zu einem wohl einmaligen Gruppenbild auf. Die Pokale des Rennens und des Concours wurden vergeben. Eine Gruppe mit Oldtimer-Fahrrädern zog ihre Runden im Kurpark. Seltsam wackelig anzuschauen, auf den dünnbereiften Hochrädern. Die hintere Sitzbank eines amerikanischen Simplex, vollgepackt mit Musikinstrumenten. Wer da meinte, dass es sich hier nur um einen Spleen der Engländer handelte, irrte gründlich. Das Hotel bebte nächtens vom Einsatz der Instrumente. Ein einzelner Golfer, im sportiven Stil der Zeit gekleidet, schaute dem Treiben abgeklärt zu. Die Kurkapelle spielte auf.

Es wird wieder still in Homburg. Der Kaiser zieht sich auf seinen Sommersitz zurück. Die feine Gesellschaft ist wieder unter sich. Die Tribüne an der Saalburg wird wenige Tage nach dem Rennen abgebrochen. Mercedes legt mit 200 verkauften Wagen in den nächsten Wochen den Grundstein für einen Weltkonzern. Mit diesem Tag beginnt das Automobil auch in Deutschland seinen unaufhaltsamen Siegeszug. Jenatzy kommentiert seinen zweiten Platz mit den Worten: “Ich bin besiegt, das ist Fakt! Jetzt warten wir mal ab!“ Er spielte damit auf das Rennen im folgenden Jahr an, auch dieses wird er verlieren. Die Zeiten ändern sich, neue Reglements halten Einzug, neue Grand Prix Wagen, neue Helden werden heranwachsen.

Wir haben die Geburtsstunden des automobilen Siegeszuges, der heutigen Formel 1, der Marke Mercedes, ja sogar der Kinderautomobil- Rennen 100 Jahre später „miterfühlen“ dürfen. Eine nachdenklich stimmende, erlebnisreiche Zeitreise geht zu Ende.

Text: F.Schädlich, Fotos: M.Nikot